Menschen und Unternehmen müssen texten, doch der geschmeidige Umgang mit Sprache ist nicht jedem gegeben. Und doch entstehen in größter Not die besten Texte. Sonja Knecht liefert Beweismittel inkl. Ermutigung.

Sonja Knecht hat sich den Ort für ihren CreativeMornings-Vortrag selbst ausgesucht: Die von Erik Spiekermann gegründete Buchdruck-Galerie p98a in Berlin. Nicht nur, weil Sonja jahrelang Textchefin bei Edenspiekermann war, sondern weil Text für sie »gestaltete Sprache« ist. Und wo kann man das besser erleben als in einer Handsatzdruckerei, die für ihre plakativen Sprüche weltweit bekannt ist? Kostprobe: »Don’t work for assholes. Don’t work with assholes.« Und so sieht das dann gesetzt aus: Assholes

Bei einem solch spannenden Ort lag es nahe, alle Besucher des CreativeMornings am Ende des Vortrags an die Druckmaschine zu bitten, um selbst ein Plakat als Erinnerung zu drucken, das die Essenz des zuvor Gehörten typografisch auf den Punkt bringt: Die besten Texte entstehen in größter Not. Gestaltet wurde das 43 × 61 cm große Motiv von Ferdinand Ulrich, der sich (1) das Monatsthema ›Broken‹ zu Herzen nahm und seine liebste Brokenscript zu Papier brachte, die Fanfare (Condensed), 1927 entworfen vom Berliner Gebrauchsgrafiker Louis Oppenheim, der (2) seine eigene Not typografisch inszenierte – »Ich hatte den Buchstaben t nicht ins ausreichender Menge …« (ja, liebe Digital Natives, so etwas gibt’s wirklich im analogen Druck) – und (3) die Gestaltung der sieben Wörter exzellent umsetzte:

Plakat »Text in Not« zum CreativeMorning Berlin »Broken«

Sonja Knecht wählte, ebenfalls passend zur Räumlichkeit, eine analoge Methode zum Präsentieren, kein Bildschirm, kein Beamer, keine Leinwand, sondern im Querformat individuell gestaltete Plakate. Ihr Mann Luca(as) de Groot hatte tags zuvor eine Staffelei gezimmert und sich einen Abreißmechanismus ausgedacht, der wunderbar funktionierte.

Die Galerie war mit über 100 Besuchern total überfüllt. Unter ihnen nicht nur Typografen und Texter aus der Stadt, sondern auch Menschen aus entfernten Ländern, wie zum Beispiel die Gastgeberin des CreativeMornings Moskau, Olga Epikhina, der US-Kalligraf Drury Brennan, die Wienerin Monika Kanokova (Kickstarter Europa) und die Kreativdirektorin Katrin Beckmann aus Brooklyn.

Der Blogger Wolfgang Keller schrieb nach der Veranstaltung in seinem Tagebuch ›Sparsonne‹: »Und plötzlich fällt ein Wort, das mir wieder die alte Potsdamer zurückholt: Sexbombe. Die Cooper Black – Beispielwort ist Mopsdiebstahl – sei nämlich die Sexbombe unter den Schriften. Ich habe mich nie um die Schriften meiner Schreibmaschinen gekümmert. Es ging nur um zu groß oder zu klein.«

Viel Spaß beim Anschauen unseres Videos.

About the speaker

Sonja Knecht ist Texterin. Aufgewachsen in Venezuela, Franken, Hamburg und heute in Berlin zuhause, beobachtet und beschreibt sie, wie wir (mit) Schrift und Sprache gestalten. Als Expertin für Unternehmenskommunikation unterstützt sie Agenturen, Institutionen und Einzelpersonen in ihrer sprachlichen Selbstfindung.

Sonja Knecht war Textchefin bei Edenspiekermann, hat den Corporate Blog der Agentur aufgebaut und für Marken wie Bosch, Deutsche Bank, DHL, Hering Berlin, Messe Frankfurt, Ottobock und Volkswagen gearbeitet. Für die TYPO Berlin betreut sie das 30-köpfige Editorial Team und moderiert seit 2015. Am liebsten macht sie „3 Fragen“-Interviews und schreibt über typografische Themen, Buchstaben, Satzzeichen, ihre interkulturellen Implikationen und wie Menschen damit umgehen. Diese Texte erscheinen im 365typo Yearbook, auf FontShop News, MyFonts.de, Slanted, Typographica, TypoTalks, im Typojournal und natürlich auf TXET. Twitter: @sk_txet

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